| Heimliche
Konversationen Anmerkung zu den Arbeiten von Eddie Hara «Rein, roh, ehrlich und diabolisch» - so soll seine Kunst sein, wünscht sich Eddie Hara. Am liebsten wäre er ein «Outsider»-Künstler, ein «Art Brutist», denn «das ist die reinste und ehrlichste Kunst», gibt er sich überzeugt: «Outsider wollen nicht berühmt werden, sie wollen nur ausdrücken, was sie denken und fühlen». Mit diesem Wunsch nach einem unmittelbaren, durch keinerlei Kalkül getrübten Ausdruck, reiht sich Eddie Hara in eine Tradition ein, die ihren Anfang noch in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg im Umkreis der Pariser Surrealisten mit ihrer «écriture automatique» nahm und in der Folge mit Namen wie Jean Dubuffet oder der dänisch-belgisch-niederländischen Künstlergruppe «Cobra» in Verbindung steht. Wie diese Künstler begeistert sich auch Eddie Hara für die Zeichnungen von Kindern oder der Insassen psychiatrischer Kliniken. Wie in den Bildern von Asger Jorn, Constant, Carl-Henning Pedersen oder Sonja Ferlov-Mancoba blitzen auch bei Eddie Hara immer wieder Motive auf, die an archaische europäische Kulturen wie die Romanik genauso erinnern können wie an Kunst aus Ozeanien oder Afrika, Zeichen der Mayas etc. Auch die Theorien, die etwa im Umkreis von «Cobra» herumgereicht wurden, liessen sich recht gut mit den Werken von Eddie Hara verbinden: Das Verständnis von Kunst als «une arme de l'esprit» und der Wunsch nach unmittelbarerer Expression. Das Unbewusste soll sich ohne Zensur durch den Intellekt direkt in den Bildern ausdrücken und man achtete auf die «Bedeutsamkeit des Formlosen», wie Michel Tapié es nannte. Tauchen wir also ein in die Bildwelt von Eddie Hara. Auf einen ersten Blick treten uns die Figuren klar umrissen entgegen. Sie setzen sich deutlich von einem meist mauerartig gearbeiteten Grund ab und schnell machen wir Augen, Nase, Mund, Arme und Beine aus. Bald jedoch beginnt sich diese klare Physiognomie aufzulösen: Trägt die Figur da etwa einen Fisch auf dem Kopf? Und dort, blickt uns da nicht ein zweites Gesicht, ein kleineres aus dem grösseren an? Meist finden sich in den Bildern von Eddie Hara mindestens zwei oder mehr Figuren und oft sind diese Wesen auf die eine oder andere Weise miteinander in Verbindung gebracht: Mal wächst eine Figur aus den Brüsten einer anderen, mal schiesst aus einer Zunge ein flammendes Herz hervor. Mal verwandelt sich eine Nase in eine Art Schlauch und saugt sich auf dem Kopf einer anderen Figur fest. Mal strecken die Wesen im wörtlichen Sinne ihre Antennen aus, mal sprechen sie ebenso direkt in Blumen. Wenn Eddie Hara sagt, dass seine Figuren sich unterhalten, Konversation treiben, dann können wir das auch ganz malerisch verstehen, sind sie doch durch Malerei selbst, durch die Sprache der Farben und Formen zueinander gebracht. Treten wir als Betrachterinnen oder Betrachter vor ein Bild von Eddie Hara, mischen wir uns unter die Figuren an diesem «Carnival of the Fools», dann werden wir in diese Konversation unmittelbar mit einbezogen - ja eigentlich könnte man gar sagen, dass diese Bilder erst durch unsere Präsenz wirklich komplett werden. Indem wir die Gespräche zwischen diesen Figuren deuten und während sich bestimmte Inhalte der Konversation herauskristallisieren, beginnen wir auch selbst mit diesen Figuren zu reden, schalten wir uns in ihre Gespräche ein. Denn worum es in diesen Bildern genau geht, lässt sich auf einer allgemeinen Ebene kaum sagen: Erst im Dialog mit jedem einzelnen Betrachter, jeder einzelnen Betrachterin, werden Geschichten und Emotionen in einer verbindlicheren Weise in Gang gebracht. Die Bilder von Eddie Hara zu betrachten bedeutet also, in ein intimes Gespräch mit ihnen zu treten, eine fast schon heimliche Konversation zu beginnen. Er zeichne, schrieb einst Henri Michaux, um «das Löschblatt zu sein der unzähligen Durchquerungen, die in mir unaufhörlich zusammenströmen». Um mit der Kunst von Eddie Hara ins Gespräch zu kommen, müssen auch wir zu Löschblättern oder Seismographen werden und all die Dinge registrieren, die im Angesicht dieser Bilder in uns zu sprechen beginnen. Oder, um es mit dem Logogramm-Dichter Christian Dotremont zu sagen: Es ist nicht nur die Hand des Künstlers, die von einer Hunger nach dem Schaffen bildnerischer Welten getrieben sein muss, auch wir Betrachter brauchen ihn, diesen «appétit créateur». |